Über die Irische See

Eine Nachtfahrt über die Irische See, vier Leuchttürme auf dem Calf of Man, ein Tanker vor Holyhead, der für uns seinen Kurs änderte, und ein Sonnenaufgang, der nach Blumen und frisch gemähtem Heu roch. Die Belohnung am anderen Ende? Eine Hitzewelle und das beste Radler in ganz Wales.
Die erste Überfahrt der Saison stand an. Die Vorhersage versprach ruhige See und leichten Rückenwind, also verließen wir Port Erin am späten Nachmittag und segelten direkt dem Sonnenuntergang entgegen.

Das Meer war so glatt, dass wir den Leuchtturm auf Chicken Rock endlich einmal aus nächster Nähe betrachten konnten. Normalerweise macht die aufgeschaukelte See um den Felsen das unmöglich.
Auf diesem Stück See stehen vier Leuchtfeuer in Sichtweite zueinander. Zwei alte Richtfeuer auf der Calf of Man, der von den Stevensons erbaute Leuchtturm auf Chicken Rock und ein modernes, automatisches Leuchtfeuer an den Klippen darüber. Vier Leuchtfeuer, die seit Generationen über diesen tückischen Seeabschnitt wachen.
Andrea liebt Papageientaucher. Irgendwo auf dem Calf sollten welche zu sehen sein, also hielten wir die Augen offen. Leider erfolglos. Offenbar hatten die Papageientaucher Besseres zu tun, als für uns Modell zu sitzen. Hoffentlich würden wir auf unserem Weg nach Süden noch genügend davon sehen.
Wir segelten weiter entlang der Küste. Nicht weit vom Calf entfernt, gibt es eine Felsformation, die aussieht wie ein Drache der seinen Kopf zum Trinken ins Wasser senkt. Für uns eindeutig der walisische Drache - der zur Isle of Man auf einen Drink und zu seinem wohlverdienten Nachmittagsschlaf vorbei kommt.

Der Weihnachtsbaum und der Tanker
Die Isle of Man wurde langsam kleiner am Horizont. Im Cockpit genossen wir bei einem leichten Abendessen die letzten goldenen Sonnenstrahlen des Tages.
Wir wussten, was vor uns lag - die erste Nachtfahrt der Saison und große Schiffe in der Dunkelheit. Dieses leise Wissen, dass man jetzt einfach unterwegs ist.
Wir teilten unsere Nachtwachen ein - 3 Stunden Wache, 3 Stunden Schlaf. Andrea legte sich zuerst hin, während Rob draußen blieb. Als ihre Schicht begann, war es bereits stockdunkel. Die Art von Dunkelheit, in der der Horizont verschwindet und Meer und Himmel zu einer einzigen schwarzen Fläche werden.
Inzwischen hatten wir das Verkehrstrennungsgebiet vor Holyhead erreicht - eine Art Autobahn für die Berufsschifffahrt. Man will da einfach zügig durch und trotzdem jederzeit wissen, was um einen herum passiert. Meistens ist dort überraschend wenig Verkehr.
Diesmal nicht.
Ein Kreuzfahrtschiff funkelte wie ein schwimmender Weihnachtsbaum. Ein großer Tanker lief die Verkehrstrennungszone hinunter. Und eine Fähre war auf dem Weg nach Holyhead.
Drei große Schiffe auf engem Raum - wir nannten es das "Teufelsdreieck".
Die Fähre und der Tanker hatten ihren Kurs bereits aufeinander abgestimmt, unser Zeitfenster wurde jedoch zunehmend kleiner. Also griff Rob zum Funkgerät und rief den Tanker direkt an. Solche Dinge klärt man lieber frühzeitig, wenn man Nachts Schifffahrtswege kreuzt.
Der Kapitän war ausgesprochen freundlich und änderte seinen Kurs umgehend, sodass wir problemlos passieren konnten. Als er unseren Akzent hörte, fragte er, ob wir Polnisch sprechen würden - offensichtlich hatte er auf ein kleines Schwätzchen gehofft. Leider sprechen wir kein Polnisch und er kein Deutsch. Damit war das Thema schnell erledigt.
Kurz darauf zog der Tanker hinter uns vorbei. Gewaltig groß und doch beinahe lautlos auf der spiegelglatten See. Erst wenn man so ein Schiff aus nächster Nähe sieht, begreift man wirklich seine Größe.
Sterne und Sonnenaufgang
Nachdem das Verkehrschaos hinter uns lag, querten wir Caernarfon Bay zwischen Anglesey und der Llyn-Halbinsel in Richtung Bardsey Island. Die Strömung begann nun gegen uns zu laufen und wir wurden langsamer - genau womit wir gerechnet hatten.
Die Sterne spiegelten sich auf der glatten Wasseroberfläche, die Nacht verging erstaunlich schnell und am Horizont kündigte sich bereits der neue Tag an. Rob hatte die Sonnenaufgangswache.
Zuerst nur ein helles Grau. Dann ein schmaler Streifen Farbe. Und plötzlich erwachte der ganze Himmel zum Leben.
Und dann war da dieser Duft. Blumen. Frisch gemähtes Heu. Getragen von der leichtesten Brise, die vom walisischen Festland herüberwehte.
Das Wasser war spiegelglatt. Hinter uns lag Anglesey, vor uns zeichneten sich die Berge von Snowdonia ab. Nach einer Nacht zwischen Tankern, Verkehrstrennungsgebieten und Nachtwachen roch Wales einfach nur gut.
Unsere Passage hatten wir so geplant, dass wir Bardsey Sound genau zum Stillwasser erreichen würden - das kurze Zeitfenster beim Tidenwechsel, in dem sich die sonst berüchtigten Strömungen beruhigen. Gegen zehn Uhr waren wir dort, unser Timing hätte kaum besser sein können. Die Strömung schob uns zügig durch die Meerenge.
Letztes Jahr sind wir hier schon mal durch gekommen. Einmal im dichten Nebel, beim zweiten Mal im Regen und bei unfreundlichen Bedingungen. Diesmal konnten wir Bardsey Island zum ersten Mal richtig sehen. Die Wasseroberfläche wirkte beinahe regungslos, doch überall zeichneten sich Strudel und Wirbel ab. Ein guter Hinweis darauf, welche Wassermassen hier normalerweise hindurchrauschen. Letztes Jahr haben wir diese Kräfte ordentlich zu spüren bekommen.
Hinter Bardsey ließen wir die St. Tudwall's Inseln hinter uns und nutzten die Tide, um durch das ausgebaggerte Fahrwasser in Pwllheli Marina einzulaufen. Nach und nach tauchten die grünen und roten Tonnen auf, dann der Wellenbrecher und schließlich die vertraute Marina.
Hier waren wir schon einmal um unser Rigg überholen zu lassen. Nun waren wir zurück - diesmal für einen Krantermin und einen letzten Rig-Check vor den längeren Etappen unserer Reise.
Das beste Radler in Wales
Nach einer Nacht auf See festzumachen verlangt immer noch einmal die letzte Portion Konzentration. In einer Hitzewelle gilt das erst recht.
Als Lagertha schließlich sicher an ihrem Liegeplatz lag, waren wir völlig durchgeschwitzt und ziemlich müde. Trotzdem dachten wir nicht daran uns auszuruhen. Wenige Minuten später standen die E-Bikes bereit - im Hafen war es zu heiß, der Fahrtwind würde uns gut tun.
Llanbedrog liegt rund 8km entfernt - eine gemütliche halbe Stunde mit dem Rad, wenn man den letzten Anstieg großzügig ignoriert. Ein großer Teil der Strecke führt entlang der Küste. Dieselben Landzungen, die wir nur wenige Stunden zuvor noch vom Wasser aus passiert hatten, lagen nun tief unter uns. Danach ging es durch schattige Heckenwege, vorbei an frisch gemähten Wiesen und schließlich den letzten steilen Hügel hinauf.
Oben angekommen war klar: Die Aussicht allein war die Anstrengung wert. Vor uns lag die ganze Bucht, dahinter die Berge von Snowdonia, die in der Nachmittagssonne fast unwirklich wirkten.
"The Ship" hat einen schönen Biergarten voller Blumen - und offenbar wussten das in den Schulferien auch alle anderen. Einen Tisch zum Essen bekamen wir nicht mehr. Aber das spielte keine Rolle. Nach der Fahrradtour bei den sommerlichen Temperaturen schmeckte dieser Radler genauso, wie ein Radler schmecken sollte - Kalt. Erfrischend. Perfekt. - Das beste Radler in Wales. Da waren wir uns einig.

Zurück in Pwllheli fielen wir früh ins Bett. Wales hatte uns mit Sonnenschein, Blumen und dem besten Radler des Landes begrüßt. Wenn das der Anfang der Saison war, konnten wir es kaum erwarten, was noch vor uns lag.

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Die Überfahrt von Port Erin nach Pwllheli - das Tidefenster im Bardsey Sound, die TSS-Querung bei Holyhead, das Timing für Stillwasser - genau für solche Planungen wurde Yachtmaster.AI entwickelt. Echtzeitwetter, Gezeitenströmungen und KI-gestützte Routenempfehlungen in einem Tool. Robs Idee, entstanden aus Nächten wie dieser.
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