Erste Überfahrt nach Frankreich

Eine erste Kanalüberquerung bei Nacht, leuchtende Delfine im dunklen Wasser, ein kleines Schengen-Rätsel, ein Sommergewitter über Brest, ein unterirdischer Luftschutzbunker und Seespinnen mit Holzhämmern. Fünf Tage, die uns von den Scilly-Inseln nach Frankreich führten - und von vertrauten Revieren in ein völlig neues Segelgebiet.
Abschied von den Scillies
Gegen Mittag lösten wir die Leinen an unserer Mooring in New Grimsby. Vorbei an Hangman Rock und der Burgruine ging es hinaus aufs offene Wasser. Bei herrlichem Sommerwetter motorten wir gemütlich um die Nordostspitze der Scilly-Inseln und warfen noch einmal einen Blick auf die weißen Strände von St Martin's - schöne Erinnerungen an unseren Ankerplatz im letzten Jahr.
Dann stand der Kurs fest: 150 Grad, direkt auf die Bretagne zu.
Es war unsere erste Überquerung des Ärmelkanals. Im Vorfeld hatten wir viel über Verkehrstrennungsgebiete, dichten Schiffsverkehr und riesige Frachter gelesen. In der Realität fühlte sich der Kanal deutlich entspannter an. Weiter nördlich herrscht zwar reger Verkehr, auf unserer Route hatten wir jedoch reichlich Platz.
Nur nach russischen Tankern und Kriegsschiffen hielten wir sicherheitshalber besonders aufmerksam Ausschau - der Witz von den Scillies war offenbar noch nicht ganz vergessen.
Die ersten Stunden verliefen eher gemütlich. Der Wind reichte kaum aus, um die Segel vernünftig stehen zu lassen, also lief der Motor mit. Erst gegen Abend setzte endlich eine leichte Brise ein. Von da an konnten wir bis zum Chenal du Four segeln - zeitweise sogar gerefft, damit wir nicht zu früh an der Gezeitenströmung ankamen.
Eine Nacht, die wir nie vergessen werden
Nächte auf See haben ihren ganz eigenen Rhythmus. Rob übernahm Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, Andrea die Wache von Mitternacht bis drei Uhr.
Als ihre Wache begann, versank der Mond langsam als tief orangefarbene Scheibe im dunstigen Horizont. Kurz darauf wurde es richtig dunkel. Die Sterne erschienen einer nach dem anderen, bis schließlich die Milchstraße den Himmel überspannte - so klar wie wir sie beide noch nie gesehen hatten.
Und dann passierte etwas ganz Besonderes. Andrea hatte sich schon eine Weile gefragt, warum unser Kielwasser so hell leuchtete. Schließlich wurde klar: biolumineszierendes Plankton.
Plötzlich tauchten leuchtende Linien aus der Dunkelheit auf. Sie bewegten sich auf das Boot zu, verschwanden unter dem Bug und glitten seitlich wieder davon. Dann erkannte sie, was es war. Zwei Delfine. Mit jeder Bewegung brachten sie das Plankton zum Leuchten und hinterließen lange, schimmernde Spuren im Wasser. Fast sahen sie aus wie Nixen, mit ihren Schwänzen und der langen leuchtenden Spur hinter ihnen. So friedlich und schön anzusehen. Ein Anblick, den Andrea wohl nie vergessen wird.
Als Rob zu seiner Wache an Deck kam, waren sie bereits verschwunden. Zeit für eine letzte kurze Mütze Schlaf, bevor wir französische Gewässer erreichten.
Ouessant und der Chenal du Four
In den frühen Morgenstunden näherten wir uns dem Verkehrstrennungsgebiet vor Ouessant. Dort wurde es deutlich belebter. Große Frachtschiffe kamen und gingen, und obwohl wir das TSS selbst nicht queren mussten, hieß es aufmerksam bleiben. Die Schiffe sind schnell unterwegs, doch das Seegebiet ist groß genug, um ihnen problemlos auszuweichen.
Kurz darauf zeichnete sich die bretonische Küste am Horizont ab. Noch leicht im Dunst, aber unverkennbar.
Unser Timing passte perfekt. Pünktlich mit der Tide erreichten wir den Chenal du Four. Bei den ruhigen Bedingungen wäre das zwar nicht ganz so entscheidend gewesen, trotzdem fühlt es sich gut an, wenn der Plan aufgeht. Zwischen Segelbooten, Fähren und der beeindruckenden Küstenlandschaft wurde schnell klar: Hier schaut man besser nicht nur wegen der Aussicht aufmerksam nach vorne.

Das Schengen-Rätsel
Eigentlich wollten wir in Camaret-sur-Mer einklarieren. Stattdessen führte uns unsere erste Station nach Brest. Warum? Das war für uns lange ein kleines Rätsel.
Wir beide besitzen europäische Pässe, Lagertha fährt jedoch unter britischer Flagge. Zu genau diesem Sonderfall fanden wir kaum Informationen. Selbst die RYA und die Cruising Association konnten uns keine eindeutige Auskunft geben.
Also meldeten wir uns zunächst online aus Großbritannien ab, füllten das französische Einreiseformular aus und nahmen direkt Kontakt mit dem französischen Zoll in Brest auf. Die Antwort war eindeutig: Weil Lagertha im Vereinigten Königreich registriert ist, mussten wir uns in Brest anmelden und konnten nicht wie geplant direkt in Camaret einklarieren. Der eigentliche Check-in war dann erstaunlich unspektakulär. Ein paar Minuten warten, bis der Schalter besetzt war, Pässe und Bootspapiere vorzeigen - fertig. Warum das nur in bestimmten Häfen möglich ist, verstehen wir bis heute nicht ganz.
Bonjour Frankreich
Also segelten wir an Camaret vorbei in die Rade de Brest und steuerten die Marina du Château an. Schon vor der Hafeneinfahrt war einiges los.
Brest beherbergt einen der wichtigsten Marinestützpunkte Frankreichs, inklusive der französischen U-Boot-Flotte. Ein U-Boot bekamen wir zwar nicht zu Gesicht, dafür mehrere schnelle Ausbildungsschiffe der Marine, die mit ordentlich Tempo zurück in den Hafen kamen.

Natürlich haben sie Vorfahrt. Also warteten wir außerhalb der Einfahrt, bis alle vorbei waren. Die Heckwellen, die sie hinterließen, hatten es allerdings in sich.
An der Marina wurden wir anschließend herzlich empfangen. Eine Mitarbeiterin kam uns mit dem Dinghy entgegen, begleitete uns bis zum Liegeplatz und nahm sogar unsere Leinen entgegen.

Gewitter in der Marina
Am nächsten Tag zeigte sich Frankreich zunächst von seiner heißesten Seite. Über dreißig Grad. Nach vielen Jahren auf der Isle of Man fühlen sich solche Temperaturen inzwischen fast exotisch an.

Noch bevor wir zu unserer ersten Erkundungstour aufbrechen konnten, zog sich der Himmel jedoch schlagartig zu. Dunkle Wolken, erste Böen - und kurz darauf entlud sich ein kräftiges Sommergewitter. In der Marina wurden Böen bis 42 Knoten gemessen. Dazu Blitz, Donner und sintflutartiger Regen. Beeindruckend anzusehen. Zum Glück lagen wir sicher vertaut, sodass wir das Spektakel ganz entspannt von Bord aus beobachten konnten. Fast erstaunlicher war allerdings, wie schnell danach alles wieder vorbei war. Kaum verzogen sich die Wolken, war die Hitze zurück - fast noch drückender als zuvor.
Brest erkunden
Brest ist keine Stadt, die einen auf den ersten Blick begeistert. Wer mittelalterliche Gassen und historische Fassaden erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Der Zweite Weltkrieg hat die Stadt fast vollständig zerstört, und vieles wurde danach funktional wieder aufgebaut. Doch wenn man sich etwas Zeit nimmt, entdeckt man überraschend viele spannende Ecken.
Außerdem wurden wir überall ausgesprochen freundlich empfangen. Unser Französisch beschränkt sich auf ein paar einfache Sätze, trotzdem begegneten uns die Menschen offen und geduldig - eine angenehme Überraschung, vor allem nach früheren Erfahrungen in Paris.

Mit unseren E-Bikes machten wir uns trotz der drückenden Hitze auf den Weg. Der erste Stopp war natürlich eine Crêperie. Wenn man schon in der Bretagne ist, gehören Galettes einfach dazu. Herzhaft zuerst, süß zum Nachtisch - nur kurz unterbrochen von einem kleinen Regenschauer.

Eigentlich wollten wir anschließend mit der Seilbahn über den Penfeld fahren. Ausgerechnet an diesem Tag war sie jedoch wegen Wartungsarbeiten geschlossen. Also ging es stattdessen über die Pont de Recouvrance. Die gewaltige Hubbrücke verbindet seit den 1950er-Jahren beide Seiten der Stadt und ist schon für sich ein beeindruckendes Bauwerk.

Auf der anderen Flussseite besuchten wir die Ateliers des Capucins und das Musée 70.8. Der Name bezieht sich auf den Anteil der Erdoberfläche, der von Wasser bedeckt ist - 70,8 Prozent.
Das Museum beschäftigt sich mit den Ozeanen, der maritimen Geschichte Brests und Frankreichs sowie der Bedeutung des Meeres für die Region. Ehrlich gesagt hatten wir keine großen Erwartungen, waren am Ende aber positiv überrascht. Und bei über dreißig Grad war die angenehme Kühle im Inneren ein willkommener Bonus.
Danach schlenderten wir durch die Rue Saint-Malo - die einzige Straße der Altstadt, die die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs überstanden hat. Zwischen den modernen Gebäuden wirkt sie wie eine kleine Zeitkapsel. Kopfsteinpflaster, alte Häuser und eine ruhige Atmosphäre, die man im restlichen Brest kaum findet.
Zum Abschluss machten wir noch einen Abstecher zur Tour Tanguy. Der mittelalterliche Wehrturm steht direkt am Fluss und bietet einen schönen Blick hinüber zum Château de Brest. Im Inneren zeigen detailreiche Dioramen, wie die Stadt vor ihrer Zerstörung aussah - ein faszinierender Einblick in ein Brest, das es heute nicht mehr gibt.

Der Luftschutzbunker
Am nächsten Tag zog es uns noch einmal zu Fuß durch Brest. Eigentlich wollten wir nur eine kleine Runde um das Château drehen. Wie so oft wurde daraus deutlich mehr.
Entlang der alten Festungsmauern entdeckten wir den Eingang zum Abri Sadi Carnot, einem riesigen Luftschutzbunker tief unter der Stadt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er von der Organisation Todt gemeinsam mit französischen Zwangsarbeitern in den Fels gebaut.
Bis zu 3.000 Menschen sollten hier Schutz vor den alliierten Bombenangriffen finden, die Brest nahezu vollständig zerstörten. Schon beim Betreten wird einem bewusst, welche Dimension dieser Ort hat. Lange, gerade Tunnel verschwinden im Dunkeln. Meterdicke Betonwände. Eine fast unheimliche Stille. Überall erzählen Fotos, Dokumente und Ausstellungen vom Leben während der deutschen Besatzung, den Luftangriffen und der Befreiung der Stadt.
Der Bunker hat den Krieg nahezu unbeschadet überstanden und kann heute kostenlos besichtigt werden. Für uns war es einer der eindrucksvollsten Orte in Brest.
Als wir später wieder ans Tageslicht kamen, bemerkten wir zufällig, dass die Seilbahn inzwischen wieder fuhr. Nachdem sie am Vortag geschlossen gewesen war, entschieden wir uns spontan für eine Fahrt.
Für weniger als drei Euro schwebt man über den Penfeld und bekommt einen völlig neuen Blick auf den Hafen, die Kriegsschiffe und die Stadt. Manchmal sind genau diese ungeplanten Programmpunkte die schönsten.
Seespinnen und Holzhämmer
Auf dem Rückweg kamen wir am Restaurant Le Crabe Marteau vorbei. Vor den Fenstern saßen Gäste mit Lätzchen und kleinen Holzhämmern in der Hand und bearbeiteten begeistert ihre Krabben. Das sah nach Spaß aus.
Nach unserem langen Spaziergang mussten wir nicht lange überlegen. Kurze Zeit später saßen wir selbst mit Hammer und Lätzchen am Tisch. Für jeden gab es eine halbe Seespinne, dazu Austern, Langoustinen und ein gut gekühltes Glas französischen Weißwein.
Neben uns saß zufällig ein anderes Seglerpaar, das ebenfalls kurz vor der Überquerung der Biskaya stand. Zwischen Krabbenschalen, Holzhämmern und einem zweiten Glas Wein entwickelten sich schnell angeregte Gespräche über Wetterfenster, Routen und die Vorfreude auf den Atlantik.
Mit vollen Bäuchen und bester Laune spazierten wir später zurück zu Lagertha.
Alltag in Frankreich
Die verbleibenden Tage vergingen erstaunlich schnell. Wie so oft in einer Marina bestand ein Teil davon aus den ganz normalen Dingen: Wäsche waschen, Bettwäsche wechseln und endlich die warme Daunendecke verstauen. Bei den Temperaturen konnten wir uns kaum vorstellen, sie in nächster Zeit noch einmal zu brauchen.
Natürlich blieb es nicht nur bei den Pflichtprogrammpunkten. Während Rob sich auf die Suche nach ein paar guten französischen Rotweinen machte, zog es Andrea in die kleinen Boutiquen. Ein Sommerkleid hatte es aus unerfindlichen Gründen nicht an Bord geschafft - ein Problem, das sich in Frankreich zum Glück ziemlich unkompliziert lösen ließ.
Und dann wären da noch die französischen Apotheken. Ihr Ruf ist nicht übertrieben. Regale voller Hautpflegeprodukte machten es Andrea schwer, sich zurückzuhalten. Rob kommentierte den wachsenden Einkaufskorb mit einem gewissen Stirnrunzeln, das jedoch spätestens beim Besuch einer französischen Pâtisserie wieder verschwand.
Am Ende fanden trotzdem sowohl Wein als auch Käse ihren Weg an Bord. Andrea bemühte sich zwar um Zurückhaltung bei der Käseauswahl, aber wir wussten beide, dass er ohnehin nicht lange überleben würde. Mit gut gefüllten Vorratsschränken, ein paar französischen Spezialitäten und mehreren Flaschen Wein verbrachten wir noch einen letzten entspannten Abend im Cockpit.
Aus den Bars und Public Viewings rund um die Marina hallten immer wieder Jubelrufe herüber - Frankreich spielte an diesem Abend bei der Fußball-Weltmeisterschaft und gewann. Die ganze Stadt schien mitzufeiern. Es fühlte sich nach einem ziemlich passenden Willkommen in Frankreich an.
Aufbruch in ein neues Revier
Fünf Tage zuvor hatten wir die Scilly-Inseln verlassen und uns gefragt, was uns auf unserer ersten Reise nach Frankreich erwarten würde. Seitdem hatten wir zum ersten Mal den Ärmelkanal überquert, nachts leuchtende Delfine erlebt, Brest und seine verborgene Geschichte entdeckt und uns langsam an ein neues Segelrevier gewöhnt.
Schon nach wenigen Tagen fühlte sich vieles selbstverständlich an - auch wenn plötzlich alles anders war: eine neue Sprache, neue Abläufe, andere Marinas und eine Küste, die wir noch überhaupt nicht kannten. Genau das macht Langfahrtsegeln so besonders. Mit jeder Etappe wird das Vertraute ein bisschen kleiner und die Welt ein Stück größer.
Vor uns lag nun die Biskaya - eine Überfahrt, über die wir jahrelang gesprochen hatten. Frankreich hatte unsere Erwartungen bereits übertroffen. Doch wir ahnten beide, dass das eigentliche Abenteuer gerade erst begann.
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